1. September 1939 – manche Rechnungen verjähren im Gedächtnis nicht
Heute vor 87 Jahren überfiel Deutschland Polen. Es begann ein Krieg, der Polen nicht einfach „schwer traf“. Das Land wurde systematisch zerstört, Menschen wurden ermordet, vertrieben und versklavt, Städte vernichtet, Kulturgüter geraubt und ganze gesellschaftliche Eliten ausgelöscht.
Und nach 1945? Da hätte man eigentlich erwarten können, dass ein souveränes Polen selbst darüber entscheidet, welche Wiedergutmachung es für diese Verwüstung verlangt.
Kleines historisches Problem: Polen war nicht souverän.
1953 erklärte die kommunistische Regierung der Volksrepublik Polen unter sowjetischer Dominanz den Verzicht auf weitere deutsche Reparationen. Aus deutscher Sicht ist dieser Verzicht bis heute rechtswirksam und die Reparationsfrage abgeschlossen. In Polen wird dagegen seit Jahren bestritten, dass ein von Moskau abhängiger Staat überhaupt frei und abschließend über solche Ansprüche verfügen konnte.
Das ist schon eine bemerkenswerte Pointe der Geschichte: Erst überfällt Hitler Polen von Westen, kurz darauf marschiert Stalin von Osten ein – und einige Jahre später darf ein von Moskau kontrolliertes Warschau erklären, dass die Rechnung des westlichen Angreifers nun freundlicherweise erledigt sei.
Kommunistische Großzügigkeit war eben besonders einfach, wenn sie mit fremdem Geld bezahlt wurde.
Vielleicht glaubte man damals in Moskau ohnehin, die Sache sei langfristig irrelevant. Polen sollte schließlich fest im sowjetischen Machtbereich bleiben: politisch abhängig, wirtschaftlich im sozialistischen System eingebunden und militärisch Bestandteil des Warschauer Paktes.
Nur hatte die Geschichte einen kleinen Fehler im sowjetischen Drehbuch:
Polen blieb Polen.
Der Kommunismus fiel. Die Sowjetunion verschwand. Und aus dem vermeintlichen Satellitenstaat wurde eine souveräne Republik, Mitglied von NATO und EU, eine der großen Volkswirtschaften Europas und ein Staat, der heute massiv in seine Streitkräfte investiert. Polen verfügt inzwischen über mehr als 220.000 Soldaten und baut eine der stärksten Landstreitkräfte Europas auf.
Aus dem Land, über dessen Zukunft Hitler und Stalin 1939 hinwegentscheiden wollten, ist ein Land geworden, dessen militärisches und wirtschaftliches Gewicht heute niemand in Europa ernsthaft ignorieren kann.
Und vielleicht liegt genau darin die bitterste Ironie dieses 1. September:
Man konnte Polen besetzen. Man konnte seine Städte zerstören. Man konnte seine Grenzen verschieben. Man konnte ihm eine kommunistische Diktatur aufzwingen. Man konnte sogar versuchen, in seinem Namen historische Rechnungen für erledigt zu erklären.
Aber man konnte Polen nicht abschaffen.
Ob Deutschland heute juristisch noch zu Reparationen verpflichtet ist, darüber wird gestritten. Deutschland sagt Nein. Die polnische Gegenposition verweist unter anderem auf die fehlende Souveränität der Volksrepublik 1953.
Moralisch bleibt die Frage allerdings erstaunlich einfach:
Wer einen Nachbarn überfällt, Millionen Menschen ihrer Heimat, Gesundheit oder ihres Lebens beraubt und ein Land in Ruinen hinterlässt, sollte sich nicht darüber wundern, wenn die Rechnung auch nach Generationen nicht einfach aus dem historischen Gedächtnis verschwindet.
Der 1. September ist deshalb kein Tag für triumphale Nationalromantik.
Er ist ein Tag der Erinnerung.
An die Toten. An die Überlebenden. An ein zerstörtes Polen.
Und an die bemerkenswerte Tatsache, dass dieses Land heute wieder auf eigenen Beinen steht.
Polen sollte 1939 verschwinden.
Polen sollte nach 1945 gehorchen.
Polen steht 2026 immer noch da.
Und diesmal entscheidet Warschau selbst, welche Fragen es für erledigt hält
Labels: 1. September 1939, Deutschland, Erinnerung, Gedenken, Geschichte, Kommunismus, Kriegsfolgen, Polen, Polen heute, Reparationen, Sowjetunion, Überfall auf Polen, Zweiter Weltkrieg
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